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Politikwissenschaftliche Relevanz (II) …

…von Filmanalyse

Die im vorigen Kapitel angesprochen Zusammenhänge zwischen realen Ereignissen und filmischen Darstellungen lassen sich als Ausdruck politischer Kultur verstehen. Dörner (2006) definiert politische Kulturforschung als ein „intersubjektives Phänomen“. Er meint, es handelt sich nicht um eine individuelle Interpretation von Realität, sondern um „eine Größe, die man mit anderen teilt“ (Dörner 2006; 591), die dadurch gesellschaftspolitische Relevanz bekommt. Politische Kulturforschung nimmt sich der „Konstruktionen erste Ordnung“, die im Alltagsverständnis von Menschen entstehen, an und entwickelt „Konstruktionen zweiter Ordnung“, die auf wissenschaftlichen Analyse fußen.  Dörner beschreibt diesen Prozess, nach Alfred Schütz, wie folgt:

  1. „Politische Kultur besteht aus „Konstruktionen erster Ordnung“, aus den Wahrnehmungen und Deutungen, die Menschen entwickeln, um sich in ihrer politischen Alltagswelt zu orientieren und sinnhaft zu handeln.  Diese Wahrnehmungen und Deutungen sind in hohem Maß tradiert, der einzelne Akteur findet sie als kulturelle Gegebenheit vor und eignet sie sich in je spezifischer Brechung im Verlauf langfristiger Sozialisationsprozesse an.
  2. Die Politische Kulturforschung entwickelt „Konstruktionen zweiter Ordnung“, d.h. Begriffe, Theorien, Forschungskonzepte, um diese deutende Alltagspraxis der Menschen zu rekonstruieren und als seinerseits wirksamen Faktor politischer Realität zu beschreiben.

Politische Kulturforschung beschäftigt sich also konkret mit Wahrnehmungs- und Deutungsmustern, mit Erwartungshaltungen, Werten und Normen, mit Einstellungen und Vorstellungen, Wissensbeständen und Identitäten, Gefühlen und Normalitätsstandards, die das politische Alltagsleben in einer Gesellschaft oder in einem Teil derselben prägen.“ (Dörner 2006; 591f)

Die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, Werte und Normen, mit denen sich die Kulturforschung beschäftigt, werden in zunehmendem Maß auch in populären Medien gesucht und gefunden. Populäre Kultur rückt in den Fokus, nicht nur der Cultural Studies, sondern auch der politischen Kulturforschung (vgl. Spitaler 2005; 26). In diesem Verständnis sind auch populäre Filme, Produktionen, die scheinbar nur der oberflächlichen Unterhaltung dienen, Kampfplatz um Macht- und Herrschaftsverhältnisse in einer Gesellschaft. Die Cultural Studies sprechen in diesem Zusammenhang von “signifikanten Praktiken” oder “kulturellen Produkten” (Texte, Filme, Kleidung, Fotographien, Gesten, etc.), die Interpretationsmaterial für das Verstehen von Gesellschaften bieten und gleichzeitig Ausdruck der Macht- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft sind (vgl. Turner 1996, 16).

Ein besonders plastisches Beispiel für diese Auseinandersetzung in Bezug auf Film und Gesellschaft stellt der Hays Code (oder Production Code) dar. Der Production Code legte die moralischen Richtlinien dafür fest, was der amerikanischen Öffentlichkeit im Film zugemutet werden konnte. Er wurde von Will H. Hays, damals Vorsitzender der Motion Pictures Producers and Distributors Associataion (seit 1945 die Motion Picture Association of America), eingeführt und deshalb auch kurz Hays Code genannt. Der Code wurde 1931 als Reaktion auf die aufsteigende Bedeutung der Filmindustrie aufgesetzt, hatte allerdings zunächst wenig Griffigkeit. Erst 1934 wurde die Production Code Administration gegründet, ein Büro, das von nun an jeden Film, der herausgegeben wurde, anhand der Richtlinien des Production Codes prüfte und beurteilte. Filme, die nicht freigegeben werden konnten, durften nicht ins Kino gebracht werden. Die Auseinandersetzung um Herrschaftsansprüche findet hier gleich auf unterschiedlichen Ebenen statt: zum Einen auf der Ebne von politischen Gesetzen und Richtlinien die mit HIlfe eines administrativen Apparates umgesetzt wurden, auf der anderen Seite auf der Ebene der politischen Kultur, in dem die Richtlinien von den PrduzentInnen selbst befolgt wurden. Eine derart augenscheinliche Verknüpfung zwischen politischen Absichten und Filminhalten gibt es sonst nur im Bereich der dezitiert politischen Propagandafilme (vgl. Mayrhofer 2007; 26f).

„Der Film als Kunstwerk deutet auf ökonomische, politische und gesellschaftliche Dimensionen hin, die im Film ihren Ausdruck finden und ohne deren Berücksichtigung der Film nicht adäquat analysiert werden kann.“ (Mayrhofer 2007; 28f).

Umgekehrt kann über die Normen und Wertehaltungen einer Gesellschaft durch eine Filmanalyse nur dann eine Aussage getroffen werden, wenn die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen dieser Gesellschaft in ihrem historischen Kontext berücksichtigt werden. Filme stellen also immer Beides dar: einerseits Ausdruck, andererseits Bedingung für gesellschaftspolitische Normen und Werthaltungen. Populäre Filme sind sowohl bewusstseinsschaffendes als auch bewusstseinsspiegelndes Element einer Gesellschaft. Das impliziert noch eine weitere Funktion von (populären) Filmen: sie haben bewahrende Funktion, in dem sie Erwartungen, Normalitätsvorstellungen, Werte und Sinnkonstruktionen einer Gesellschaft stabilisieren, sie dienen somit der Persistenz politischer Kulturen (vgl. Dörner 2006; 610). Auf der anderen Seite können sie Veränderungstendenzen unterstützten und Verstärker von Wandlungsprozessen sein, in dem sie neue Wertepräferenzen immer wieder in den öffentlichen Wahrnehmungsraum bringen und diese dadurch für breitere Teile der Bevölkerung “normal” und akzeptabel machen (vgl. ebenda).

Politikwissenschaftliche Relevanz…

… von PiratInnen

Mit den aktuellen Entwicklungen in Somalia, rund um das Horn von Afrika, erlangt das Thema Piraterie immanent politische Aktualität. PiratInnen kapern entlang der Küste von Somalia mit Speedbooten Tanker und Luxusyachten, nehmen die Besatzung als Geisel und fordern Lösegeld. Im Jahresbericht des International Maritime Bureau heißt es „im vergangenen Jahr seien 49 Schiffe mit 889 Crew-Mitgliedern entführt, auf 46 Frachter sei gefeuert worden. 32 Beschäftigte seien verletzt, elf ermordet worden“ (Härpfer 2009). Reedreien und SchiffseignerInnen fordern militärische Begleitung an, wenn ihre Schiffe die betroffenen Gebiete passieren müssen. In diesem Fall werden die RäuberInnen hauptsächlich von den Medien als PiratInnen bezeichnet.

Es handelt sich also um eine begriffliche Fremdverleihung. Anders ist der Fall im Bereich der sogenannten „Content-Piraterie“ im Internet. Mittlerweile hat die Praxis des (illegalen) Herunterladens von Dateien aus dem Internet die Ecke der marginalisierten ÜbeltäterInnen verlassen und sich zum Breitenphänomen entwickelt (vgl. Taglinger 2009). Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Kanada zeigt, dass 45% der InternetnutzerInnen finden, dass Musik und Videos gratis aus dem Internet bezogen werden können sollten. Nur 3% halten eine derartige Praxis für rechtswidrig (vgl. Exchange 2009). Die Betreiber einer Internetplattform, auf der Musik, Videos und Texte per Torrent-Download getauscht werden können haben dieser den klangvollen Namen The Pirate Bay (http://thepiratebay.org/) gegeben. Die beiden Betreiber stehen momentan wegen mutmaßlicher Urheberrechtsverletzung vor Gericht, der Prozess ist allerdings noch nicht entschieden und die Torrent-Tracker Seite immer noch online. Die beiden verstehen sich nach eigenen Aussagen als „Internet-Piraten“ (vgl. Borchert 2009). In diesem Fall ist der Begriff “Pirat” oder “Piratin” eine positive Selbstzuschreibung.
Piraterie hat in den letzten Jahr(zehnt)en also ein reales politisches Revival erlebt. Die beschriebenen Beispiele stellen nur zwei, besonders markante, Ausprägungen dieses Phänomens dar. Gerade die Verwendung des Begriffes „Pirat“ oder „Piratin“ als Selbstzuschreibung, wie im Falle der Betreiber von The Pirate Bay, lässt die Frage nach den möglichen Hintergründen und Motiven für derartige Identifikationen auftauchen.  Im Unterschied zur Situation in Somalia, wo die dort agierenden PiratInnen wahrscheinlich viel gemeinsam haben mit ihren realen historischen KollegInnen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, zumindest in Bezug auf ihre Methoden, Absichten und Hintergründe, bezieht sich die Selbstzuschreibung der Internet-PiratInnen auf ein mythologisiertes, idealisiertes Bild der Piraterie. Es impliziert eine emanzipatorische, subversive, kapitalismuskritische Absicht von Piraterie, die in der Realität (im 16. & 17. Jahrhundert) in der Art und Weise sicher nicht gegeben war. Die Darstellung von PiratInnen in Filmen ist eng Verknüpft mit dieser mythologisierten Darstellung, zumindest wenn es sich um positive Identifikationsfiguren handelt. PiratInnen als negative Figuren werden in Filmen näher entlang von tatsächlichen historischen Realitäten charakterisiert. Piratische Figuren bieten, gerade durch ihre schwere Fassbarkeit und den hohen Grad an Mythologisierung, den sie durch die Gesellschaft erfahren, eine ideale Projektionsfläche für Phantasien und Zuschreibungen. Welche Ideale und Mythen, Sehnsüchte und Ängste sind mit der Figur des Piraten und der Piratin verknüpft? Warum wird die Piratenfigur im aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext zu einer scheinbar positiven Identifikationsfigur? Eine Möglichkeit diese Fragen zu beantworten stellt die Analyse von piratischen Figuren in Filmen dar. “Der Mainstream des Kinos verweist auf den Mainstream der politischen Kultur.” (Dörner 2001; 215)
In Piratenfilmen wird durch die Art und Weise wie die handelnden Figuren charakterisiert werden eine Möglichkeit der Interpretation und Mythologisierung piratischer Figuren angeboten. Diese Interpretationen, analysiert im jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext, geben Einblick in die sozio-kulturellen Projektionen der jeweiligen Zeit auf Piratenfiguren. Ein Hauptaugenmerk meiner Analyse richtet sich demnach auf die Identifikationsfiguren, die dem Publikum im Film angeboten werden.

Taglinger, Harald: Piraten und andere Edle im Netz; Telepolis 25.03.2009; abgerufen am 31.3.2009

Borchert, Thomas: Prozess gegen “The Pirate Bay”: Internet-Piraten gegen Hollywood; Stern 16.2.2009; abgerufen am 31.3.2009

Exchange: File Sharing Has Become the “New Normal” for Most Online Canadians; 13.3.1009; abgerufen am 31.3.2009

Härpfer, Susanne: Von Spin-Doktoren, Speedbooten und der Shoppingliste der See-Piraten; Telepolis 22.1.2009; abgerufen am 31.3.2009

DissWordl

Wieder so ein lustiges Spielzeug aus den unendlichen Weiten des Web 2.0.

Wordl. Macht Word-Clouds. In unterschiedlichen Farben, Schriften und Designs.

Leider kann man die weder speichern noch importieren noch fotographieren. Ich habs zumindest nicht geschafft. Das schaut dann so aus:

Diss Wordl

(Click on the picture and  you´ll see my Diss-Wordl.)

Lustig wärs einen Verlauf festzustellen – ob sich was verändert im Schreibprozess. Mehr oder weniger “the”s, zum Beispiel. Die Aussagekraft bleibt aber wahrscheinlich beschränkt.

Wordl illustriert schön. Und für eine erste Sichtung von Material kann es auch ganz brauchbar sein. In unserer letzten Lehrveranstaltung, zum Beispiel, hat eine Gruppe mit Wordl gearbeitet. Die Ergebnisse waren recht interessant: wenn man Seiten, auf denen der Brunnenmarkt beschrieben wird wordlt, kommt als Nr. 1 Begriff “Bobo” noch vor “Türken” raus. Hätte ich nicht gedacht.

Vor allem für Präsentation kann so ein Tool ganz hilfreich sein. Weil man lang drauf rumschauen kann.