Tales of a Clown

…about Life, the Universe and Everything

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Posts Tagged ‘Somalia’

Politikwissenschaftliche Relevanz…

… von PiratInnen

Mit den aktuellen Entwicklungen in Somalia, rund um das Horn von Afrika, erlangt das Thema Piraterie immanent politische Aktualität. PiratInnen kapern entlang der Küste von Somalia mit Speedbooten Tanker und Luxusyachten, nehmen die Besatzung als Geisel und fordern Lösegeld. Im Jahresbericht des International Maritime Bureau heißt es „im vergangenen Jahr seien 49 Schiffe mit 889 Crew-Mitgliedern entführt, auf 46 Frachter sei gefeuert worden. 32 Beschäftigte seien verletzt, elf ermordet worden“ (Härpfer 2009). Reedreien und SchiffseignerInnen fordern militärische Begleitung an, wenn ihre Schiffe die betroffenen Gebiete passieren müssen. In diesem Fall werden die RäuberInnen hauptsächlich von den Medien als PiratInnen bezeichnet.

Es handelt sich also um eine begriffliche Fremdverleihung. Anders ist der Fall im Bereich der sogenannten „Content-Piraterie“ im Internet. Mittlerweile hat die Praxis des (illegalen) Herunterladens von Dateien aus dem Internet die Ecke der marginalisierten ÜbeltäterInnen verlassen und sich zum Breitenphänomen entwickelt (vgl. Taglinger 2009). Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Kanada zeigt, dass 45% der InternetnutzerInnen finden, dass Musik und Videos gratis aus dem Internet bezogen werden können sollten. Nur 3% halten eine derartige Praxis für rechtswidrig (vgl. Exchange 2009). Die Betreiber einer Internetplattform, auf der Musik, Videos und Texte per Torrent-Download getauscht werden können haben dieser den klangvollen Namen The Pirate Bay (http://thepiratebay.org/) gegeben. Die beiden Betreiber stehen momentan wegen mutmaßlicher Urheberrechtsverletzung vor Gericht, der Prozess ist allerdings noch nicht entschieden und die Torrent-Tracker Seite immer noch online. Die beiden verstehen sich nach eigenen Aussagen als „Internet-Piraten“ (vgl. Borchert 2009). In diesem Fall ist der Begriff “Pirat” oder “Piratin” eine positive Selbstzuschreibung.
Piraterie hat in den letzten Jahr(zehnt)en also ein reales politisches Revival erlebt. Die beschriebenen Beispiele stellen nur zwei, besonders markante, Ausprägungen dieses Phänomens dar. Gerade die Verwendung des Begriffes „Pirat“ oder „Piratin“ als Selbstzuschreibung, wie im Falle der Betreiber von The Pirate Bay, lässt die Frage nach den möglichen Hintergründen und Motiven für derartige Identifikationen auftauchen.  Im Unterschied zur Situation in Somalia, wo die dort agierenden PiratInnen wahrscheinlich viel gemeinsam haben mit ihren realen historischen KollegInnen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, zumindest in Bezug auf ihre Methoden, Absichten und Hintergründe, bezieht sich die Selbstzuschreibung der Internet-PiratInnen auf ein mythologisiertes, idealisiertes Bild der Piraterie. Es impliziert eine emanzipatorische, subversive, kapitalismuskritische Absicht von Piraterie, die in der Realität (im 16. & 17. Jahrhundert) in der Art und Weise sicher nicht gegeben war. Die Darstellung von PiratInnen in Filmen ist eng Verknüpft mit dieser mythologisierten Darstellung, zumindest wenn es sich um positive Identifikationsfiguren handelt. PiratInnen als negative Figuren werden in Filmen näher entlang von tatsächlichen historischen Realitäten charakterisiert. Piratische Figuren bieten, gerade durch ihre schwere Fassbarkeit und den hohen Grad an Mythologisierung, den sie durch die Gesellschaft erfahren, eine ideale Projektionsfläche für Phantasien und Zuschreibungen. Welche Ideale und Mythen, Sehnsüchte und Ängste sind mit der Figur des Piraten und der Piratin verknüpft? Warum wird die Piratenfigur im aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext zu einer scheinbar positiven Identifikationsfigur? Eine Möglichkeit diese Fragen zu beantworten stellt die Analyse von piratischen Figuren in Filmen dar. “Der Mainstream des Kinos verweist auf den Mainstream der politischen Kultur.” (Dörner 2001; 215)
In Piratenfilmen wird durch die Art und Weise wie die handelnden Figuren charakterisiert werden eine Möglichkeit der Interpretation und Mythologisierung piratischer Figuren angeboten. Diese Interpretationen, analysiert im jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext, geben Einblick in die sozio-kulturellen Projektionen der jeweiligen Zeit auf Piratenfiguren. Ein Hauptaugenmerk meiner Analyse richtet sich demnach auf die Identifikationsfiguren, die dem Publikum im Film angeboten werden.

Taglinger, Harald: Piraten und andere Edle im Netz; Telepolis 25.03.2009; abgerufen am 31.3.2009

Borchert, Thomas: Prozess gegen “The Pirate Bay”: Internet-Piraten gegen Hollywood; Stern 16.2.2009; abgerufen am 31.3.2009

Exchange: File Sharing Has Become the “New Normal” for Most Online Canadians; 13.3.1009; abgerufen am 31.3.2009

Härpfer, Susanne: Von Spin-Doktoren, Speedbooten und der Shoppingliste der See-Piraten; Telepolis 22.1.2009; abgerufen am 31.3.2009