Überwachung 104
Weyer hat ca. 4.300 Einwohner und eine Webcam. Das ist bevölkerungstechnisch der selbe Stand wie 1869. In den 50er Jahren waren es fast 6.000 (!). Aber das ist hier eigentlich nebensächlich. Die Hauptsache ist die Webcam.
Am Rathaus montiert, hat sie den gesamten Marktplatz im Überblick, vom Pfarrzentrum bis zum Eggererschloss.
Das Bild updatet auch halbwegs schnell. Man kann Veränderungen im Straßenbild im Sekundentakt feststellen. Schniek. Lustig ist auch, dass man die Kameraposition selbst im Browser verändern kann. Ein bisschen nach rechts, ein bisschen nach linkst, zoomen und schon sieht man wer gerade in die Sparkasse hineingeht, ob grad Stau ist am Marktplatz und man deswegen lieber nicht mit dem Auto einkaufen fährt oder ob schon wieder wer in zweiter Spur vor dem Fleischhacker parkt obwohl das doch verboten ist. Besonders eifrige BürgerInnen können die betreffende Person dank guter Bildauflösung auch gleich anzeigen. Ordnung muss schließlich sein!
Nachdem nur eine Kamera montiert ist - zumindest weiß die Öffentlichkeit nur von einer, wer weiß, von wo aus man sonst noch überall beobachtet wird, wenn man sich ein unschuldiges Wurstsemmerl holen geht – wird die natürlich von verschiedenen Leute gleichzeitig bewegt. Als interessierte Sozialwissenschafterin kann man sich also einfach vor den Computer setzen und schauen was Leute so schauen.
Ecke Hollensteinerstraße dauert mit Lastwagen immer ein bisschen länger, wegen dem engen Vor und Zurück. Die aufmerksame Ehefrau hat also genug Zeit das Essen in die Mikrowelle zu stellen während der Gatte in der Hollensteinerstraße steckt. Es sei denn, er geht noch auf ein Seiterl ins Käfler. Aber auch das lässt sich leicht feststellen.
Richtig genutzt kann diese Technologie das Leben von 4.300 WeyrerInnen grundlegend verändern. Besorgte Eltern wissen zu jeder Tages- und Nachtzeit ob sich die Kinder auch wirklich auf dem versprochenen Heimweg befinden. Kavalliersdelikte wie Falschparken oder die sonntägliche Zeitung stehlen werden immer riskanter, man weiß ja nie wer einem über die Schulter schaut. Ich bin sicher der “Delikt anzeigen” Button für die Webpage ist schon in Auftrag gegeben.
Aber auch die kleinkriminelle Seite hat es leichter: Bankräuber können bequem von zu Hause aus das Kommen und Gehen in der Sparkasse beobachten. Aufmerksame Beobachter wissen, dass Herr X sein Auto nie absperrt wenn er auf ein Plauscherl in die Konditorei geht, und dass Frau Y ihre Geldbörse immer in die Außentasche ihres Einkaufssackerls steckt.
Jetzt muss nur endlich wer die toten Fliegen melden, damit die Überwachung wieder lückenlos funktioniert.
Up to Date
Ich war ja immer schon ein sehr folgsames Kind. Zugegeben, manchmal widerwillig folgsam, mit Gemurre und Gemecker, am Ende aber doch immer ausführend. Und wenn mich meine Mutter über Facebook auffordert, doch endlich mal wieder zu bloggen, wo kämen wir denn hin, würde ich dem Wunsch nicht nachkommen.
Da bin ich nun also nach einem Monat wunderbarem Herumreisen im südliche Florida wieder zurück in meiner amerikanischen Kleinstadt. Der Winter zeigt, mittlerweile, endlich seine schneebedeckte Seite. Die wirklich tiefen Temperaturen hab ich allerdings, am Strand von Key West bratend, versäumt. Darn.
Erstaunlich ist, dass trotz abenteuerlicher Irrfahrten durch die Wildnis der Everglades, experimenteller Grillaktionen bei Mondschein unter freiem Himmel (wusstet ihr, dass Snickers und Twix gegrillt eine ähnliche Konsistenz entwickeln, wohingegen Milkey Ways in erhitztem Zustand eher Marshmellows ähneln?), queerer Silvesterparties und Ausflügen zu Wasser, am Land und in der Luft, von denen man meinen könnte, dass sie das Leben der Erlebenden von Grund auf verändern, nach der Rückkehr in die gewohnte Umgebung der Alltag mit unglaublicher Geschwindigkeit, unerbitterlich und augenblicklich wieder einkehrt, als ob man nie weg gewesen wäre.
Wieder hängt ein Stundenplan über meinem Schreibtisch. Wieder wollen motivierte Studierende alles über Österreich erfahren. Wieder steht mir ein Monat “Sissi” bevor.
Fairerweise muss ich sagen, das neue Jahr hat auch viel Gutes. Ich kann diesmal meine Kurse wirklich frei wählen: Filmtheorie rauf und runter. Ich unterrichte weniger – nur ein Kurs, statt zwei. Ich werde bei einem 7 Meilen Lauf mitmachen und ich bekomme gleich zweimal Besuch. More good times are on the way!
Sushi and Blue Moon
In Key West ist alles suthernmost: suthernmost hotel, suthernmost giftshop, southernmost point of the US, southernmost gas station, suthernmost palmtree UND gestern: suthernmost New Years Eve Party!
Eigentlich hatte ich ja mein Silvester ruhig und friedlich am Strand geplant, ohne viel Aufregung und Trubel. CNN hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Big Party in Key West! Blue Moon – der zweiten Vollmond im Monat – und Jahrzehntwechsel – magischer kann eine Nacht nicht sein.
In New York wird um Mitternacht traditionell ein silberner Ball vom Himmel heruntergelassen (they say “drop the ball”, the “drop” is very, very slow). Key West macht das ein bisschen anders. Die lassen drei Sachen herunter: eine Muschel, eine Piratenbraut und Sushi – the local most famous Drag Queen in einem roten Stöckelschuh sitzend. Very nice.
Verziert war die Partynacht mit Ketten, die für besonders sexy Verhalten (”Show your boobs!”, “Pull down those pants!”) von Balkonen entlang Duval Street geworfen werden. Alkohol auf der Straße. Polizisten auf Pferden. Vereinzelte Piraten. Unterm Stöckelschuh war die Party nicht ganz so gampig dafür umso sexier. Da gabs Ketten einfach fürs da sein. Plus: Sweet Strippers, great Singers, Drag Queens, Sushi die Diva, die T-Shirts, Federn, Kappen und Partykracher in die Menge geworfen hat. “Guys, that´s my 12th year in the shoe. And it is going to be my last year” – “NOOOOOO” – “Ok, guys. MAYBE I´ll be back next year.” – “Yeaaaahh”.
Happy New Year, everybody! If it continues as it started, it´s gonna be a sexy year!
Jingle Bell, Jingle Bell, Jingle Bell Rock
Alles glänzt, glitzert und glimmert, die Temperaturen sind endlich unter den Nullpunkt geklettert, die Menschen halten sich lieber in Kaffee- und Kaufhäusern als auf der Straße auf und wer doch raus muss huscht schnell, den Kopf im Kragen vergraben, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, seiner Wege.
Winter wirds. Weihnachten kommt.
In Chicago gibts einen deutschen Weihnachtsmarkt mit Bratwurst, Bier und Lebkuchenherzen und einem Österreichstandl auf dem Apfelstrudel verkauft wird. Der Markt war das Ziel unseres gestrigen Ausfluges. Die Kopie ist gut gelungen: es gibt viel Glühwein, viel Essen, viel Kitsch und ein enormes Gedränge.
Aber nicht nur der Markt verleiht Chicago seinen weihnachtlichen Flair. Die HeilsarmeemitarbeiterInnen, die an fast jeder Ecke, kleine Glocken läutend, die Menschen zum Spenden auffordern, die Weihnachstmusik, die aus den Außsenlautsprechern eines jeden Geschäfts erschallt, die vorweihnachtliche Dekoration der Regale und Mitarbeiter und natürlich die hübschen glitzernden Unsinnigkeiten die überall zur Verschönerung des Eigenheims angeboten werden. Kein Weihnachten ohne Weihnachtsstimmung. Das kleine türkise Glitzerreh auf meinem Schreibtisch beginnt in diesem Moment heftig zu nicken.
Wenn sich dann, früh um diese Jahreszeit, die Nacht herabsenkt auf die Stadt am See, beginnt diese selbst zu glitzern und zu leuchten. Wunderhübsch.
Striking in the USA
Es war saukalt und hat geregnet. Nachdem das Wochenende uns noch mit 20° C verwöhnt hat, hat das Wetter am Montag dann laut und deutlich gemeint: Bleibt daheim im Bett!
Trotzdem sind um 7:45 in der Früh ein paar hundert Teaching Assistants im strömenden Regen am Quad gestanden haben für einen Vertrag skandiert und sich in Picket Lines einteilen lassen. Dann wurde ganz traditionell amerikanisch gepicketet und skandiert.
Nachdem wir das Foreign Language Building belagerten, haben wir versucht multilingual zu skandieren: deutsch, griechisch, arabisch, französisch, spanisch und natürlich englisch. Leider waren zwei Tage zu wenig um mich an alle Sprachen zu erinnern…
Das lustige war, dass zu Mittag wirklich eine halbe Stunde Pause war. Mich hat das sehr an Asterix bei den Briten erinnert.
Faculty und Undergrads sind vorbeigekommen und haben uns unterstützt, Kaffee gebracht, mitmarschiert, selber Schilder gebastelt gehabt. Am zweiten Tag ist dann sogar das Wetter besser geworden. Erstaunlich diszipliniert wurden Picket Shifts eingehalten. JedeR war pünktlich da, alle haben sich zivilisiert und freundlich gegenüber den nicht-Streikenden verhalten - “Please don´t cross, joooooin us. Please don´t cross, jooooin us.” – trotzdem haben sich Leute bei der Polizei beschwert. Ich weiß ja nicht. In Österreich wär schon längst das Gebäude gestürmt, irgend ein Büro besetzt und ein Aktenordner aus dem Fenster gefolgen. Nicht, dass ich das besser fänd. Der Streik hier ist sehr partizipativ und sehr effektiv. Heut war in der Früh ein Polizeiauto da, das nach einer Stunde wieder gefahren ist, weil eh alles friedlich ist. Echt, so gehts wirklich auch! G.E.O. you are amazing organizers!
Am zweiten Tag haben wir sogar den Chant geändert, um keine Undergrad & Faculty Seelen mehr zu verletzen, auf: “please join us, please join us, please join us”…. Dafür hatten wir mehr selbstgebastelte Trommeln und waren lauter.
Nach 1,5 Tagen Streik hat die Uni nachgegeben und einen – anscheinend – annehmbaren Vertrag angeboten. Wir werden sehen. Heut Abend gibts ein Memberschip-Vote in der Wesley United Methodist Church (ja, viele sind auf unserer Seite…). Da wird über den Vertrag und den Streik abgestimmt. Wenn die Mehrheit der Mitglieder nicht zurfrieden sind, dann stell ich mich morgen wieder vors FLB:
I want a contract, yes I do, I want a contract, how about you?
Voran du Arbeitsvolk
Illinois am Rande eines Streiks. Ganz Illinois? Nein, natürlich nicht. Aber ein kleines …. wir kennen den Rest ja.
In a protest outside the University of Illinois board meeting this morning, graduate student instructors from the Urbana-Champaign campus threatened to strike Monday if they do not reach a contract with the administration.
Berichtet Chicago Breaking News gestern. Was ist passiert? Hat ein Mitglied einer kleinen revolutionären Splittergruppe einen Lehrauftrag bekommen die Gelegenheit genutzt um gemeinsam mit zwei Freunden den Generalstreik auszurufen?
Nö. Weit gefehlt. Die Mitglieder der Graduate Employee Organisation (G.E.O.) haben vorige Woche mit einer Mehrheit von 92% für einen Streik abgestimmt. So richtig. Mit Urne und Stimmzettel. Und, so wies momentan ausschaut, wird der Streik der Teaching Assistants nächste Woche anfangen. Morgen gibt es noch eine Verhandlungsrunde, nachdem sich die Universitätsadministration endlich durchgerungen hat ein Gesprächsangebot zu machen. Die Verhandlung hätte am Campus stattfinden sollen. Heute Nachmittag ist der Ort an den 3 Meilen südlich gelegenen Willard Airport verlegt worden. Weniger DemonstrantInnen werden erwartet. Fahrgemeinschaten sind schon organisiert. (I mean, seriously! EVERYBODY in the US has a car… you could have anticipated that…)
Die wichtige Frage bei so Streiks ist ja immer – wofür wird gestreikt, was sind die Forderungen? Nun, die Teaching Assistants schupfen, wie so oft, als unterbezahlte ArbeitnehmerInnen den Großteil des Undergraduate-Pogramms der Universität (das kommt uns doch bekannt vor? Aus anderen Kontexten?). Die meisten sind Graduate-Studierende die sich durch die Lehre ihren Lebensunterhalt verdienen (rings bells? hm?). Seit August machen das die 1500 Graduate Employees der University of Illinois at Champaign-Urbana ohne Vertrag (now…?!).
Sprechgesang Nr. 1 auf Demos ist also:
What do we want? A contract! When do we want it? NOW!
Gleichzeitig versucht das Verhandlungsteam garantierte Tuition Waivers, Health Care und A living wage für die ArbeitnehmerInnen zu verhandeln. Ein Unterfangen, das sich als schwieriger als man vielleicht glauben könnte herausstellt. Die Verhandlungen dauern mittlerweile schon über ein halbes Jahr und die Universität hat erst begonnen sich zu bewegen, als der Streik als Option immer wahrscheinlicher geworden ist.
Ein Graduate Student, der an der U. of I. studiert braucht, laut universitärer Berechnungen, $16.000 im akademischen Jahr. Die Uni zahlt ihren eigenen Angestellten ein “living wage” von $13.000 im akademischen Jahr. Sind wohl nicht so viele Mathematiker im Rektorenteam.
Alle Departments sind auf der Seite ihrer Teaching Assistants, unterstützen den Streik und die GEO bei ihren Forderungen. Viele haben ihren Grad-Employees zugesichert, dass sie keinerlei Maßnahmen gegen sie ergreifen werden wenn sie streiken, da ja klar ist: der gemeinsame Feind ist die Administration, nicht das Department oder die Faculty.
Natürlich gibt es eine Insel, auf der alles ein bisschen anders abläuft: Dort werden substitute teachers (scabs, die man aber nicht so nennen darf, weil das ihre Gefühle verletzen könnte) organisiert damit möglichst niemand was von dem Streik mitbekommt. Ich bin ja schon gespannt ob die Studis solidarisch sind… Dann dürfen die sca.., sorry, subs in leeren Hörsälen unterrichten.
Wär ich ein Institut, dann würd ich mich ja HINTER meine Teaching Assistants stellen und sagen: “Hey, Universität! Ich brauch meine Leute! Sonst kann der Unterricht nicht stattfinden. Also bezahlt sie gefälligst damit sie wieder arbeiten kommen! Aber flott!” Angewandte Solidarität würde man das vielleicht nennen.
Wenn ich, als Institut, allerdings der Unversität beweise, dass der Unterricht auch ohne Teaching Assistants reibungslos stattfinden kann, weil genügend andere Leute “einspringen”, dann könnte der Universität natürlich, als Sparmaßnahme in diesen finsteren Zeiten, einfallen, dass das betreffende Institut vielleicht gar nicht so viele Graduate Employees braucht. Und dann könnte es natürlich passieren, dass das Institut in Zukunft statt 17 Stellen nur mehr 12 Stellen im Planbudegt stehen hat. Angewandte Sparmaßnahme würde das dann vielleicht heißen.
Das Institut kann nur hoffen, dass das Rektorat, das, wie wir bereits wissen, nicht sonderlich mathematisch begabt ist, auch germanistisch nicht fit ist und durch diesen Eintrag nicht auf dumme Gedanken kommt. Weiters hoffen wir, die Graduate Employees, dass die Universitätsadministration sich am Willard Airport weichklopfen lässt. Am Verhandlungstisch, versteht sich.
Ich, ganz privat, hoff ja, dass wir einen, von August an rückwirkend geltenden Vertrag mit einem höheren Gehalt bekommen und ich mir um die fette Nachzahlung dann einen Heckspoiler für mein Auto kaufen kann.









































